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Literatur
Verfasst am: 17. 02. 2016 [22:11]
moi
Themenersteller
Dabei seit: 29.01.2015
Beiträge: 3
Hallo zusammen,
ich beginne in wenigen Wochen mit dem Psychiatriejahr und würde mir gerne einen Überblick verschaffen, welche Literatur sinnvoll wäre, anzuschaffen.

Welche Literatur könnt ihr empfehlen?

Arbeitet jemand mit dem Kompendium der Psychotherapie?

Ich freue mich auf eine paar Tipps. icon_smile.gif

LG
 
Verfasst am: 18. 02. 2016 [13:32]
sigmund
Dabei seit: 23.07.2013
Beiträge: 76
unbedingt sofort vollständig lesen:

Wilken, Methoden der Kognitiven Umstrukturierung

http://www.kohlhammer.de/wms/instances/KOB/appDE/Medizin/Neuerscheinungen/Methoden-der-Kognitiven-Umstrukturierung-978-3-17-026872-2/


unverzichtbares Nachschlagewerk, muss immer griffbereit sein:

Schneider/Margraf, Lehrbuch der Verhaltenstherapie

http://www.springer.com/de/book/9783540795407
http://www.springer.com/de/book/9783540795421 (Erwachsene)
http://www.springer.com/de/book/9783540795445 (Kinder)
http://www.springer.com/de/book/9783642017124


Nachschlagewerk, muss am Anfang griffbereit und am Ende (in den wesentlichsten Punkten) ausprobiert und im Gedächtnis sein:

Linden/Hautzinger, Verhaltenstherapiemanual

http://www.springer.com/de/book/9783642552090

 
Verfasst am: 18. 02. 2016 [22:32]
moi
Themenersteller
Dabei seit: 29.01.2015
Beiträge: 3
Hallo Sigmund,
vielen Dank! icon_smile.gif
 
Verfasst am: 23. 02. 2016 [13:04]
miriam.li
Dabei seit: 06.07.2015
Beiträge: 6
Gibt es auch Literaturvorschläge für die tiefenpsychologische Ausbildung?
Ich wäre sehr dankbar icon_smile.gif
 
Verfasst am: 02. 03. 2016 [18:31]
feline
Dabei seit: 09.12.2015
Beiträge: 6
Hallo,

ich habe gerade das P1 begonnen und würde mich über weitere Literaturtipps von derzeitigen oder ehemaligen PPiAs freuen - welche Literatur hat euch in der Praktikumszeit an den Kliniken und Ambulanzen geholfen?

@ sigmund: danke für deine Tipps. Ich würde mich jeweils über ein persönliches kurzes Statement freuen, warum gerade dieses Buch oder diese Reihe für dich so empfehlenswert ist?

Da die Bücher insgesamt sehr teuer sind und ich wenig Geld habe, möchte ich gezielt auswählen und freue mich daher über konkrete Argumente icon_smile.gif

Liebe Grüße,
Fee
 
Verfasst am: 03. 03. 2016 [13:27]
sigmund
Dabei seit: 23.07.2013
Beiträge: 76
"feline" schrieb:

@ sigmund: danke für deine Tipps. Ich würde mich jeweils über ein persönliches kurzes Statement freuen, warum gerade dieses Buch oder diese Reihe für dich so empfehlenswert ist?


Zuerst muss man sich einmal fragen, wie man als Psychotherapeut in der Klinik arbeiten will. Für mich gibt es zwei Extreme:

A. Man hat keine Zeit, der Arbeitgeber finanziert weder Weiterbildung noch Fachliteratur oder Tests. Die Testbögen sind Kopien (teilweise von hoffnungslos veralteten Vorauflagen, und auf denen teilweise der Kopierschutz sichtbar geworden ist: "unautorisierte Kopie" ), und in die Gruppen geht man mit Kopiervorlagen, die irgendjemand irgendwann aus irgendwelchen Büchern erstellt hat, und die Einzeltherapie hat zwar formell eine spezifische Indikation und irgendeine schwammige Diagnose, aber letztlich eiert man planlos herum und veranstaltet supportive Gespräche, die dem Patienten das Leben irgendwie angenehmer machen, aber kein einziges Problem lösen, und so bleibt es bei der Lösung "Tabs + Drehtürpsychiatrie". Das Arbeitsklima ist längst zynisch, es gibt Revierkämpfe, aber wenn man nur ja nicht auffällt und halbwegs die richtigen Phrasen im Team und der Dokumentation drischt, hat man eine halbwegs sichere Existenz. Nur nützt sie den Patienten herzlich wenig, und man wird Teil des Problemes. Wenn man nur PiA ist, ist das persönlich erträglich, weil man ja bald wieder weg ist. Hinter mir die Sintflut.

B. Man hat ausreichend Zeit, und wenn man mit halbwegs vernünftigen Wünschen (Seminare, Bücher, Tests) zum Vorgesetzten geht, setzt er seine Unterschrift darunter. Man hat sich von den anderen Berufsgruppen ausreichend abgegrenzt und "darf" sich eine eigene Meinung bilden. Bevor man mit dem Patienten spricht, kann man die Krankengeschichte lesen, Arbeitshypothesen bilden und - Achtung, jetzt kommts - nachschlagen, was in den Manualen konkret und exakt zu diesen Aspekten dieser Störung steht. Dann überlegt man sich ein Grobkonzept einer Verhaltensanalyse, die man dann mit dem Patienten verfeinern wird. Dann sucht man sich ein paar Tests am PC oder mit Originalbögen aus, die erstens die Arbeitshypothese bestätigen oder widerlegen sollen und zweitens auf Veränderung ansprechen sollen, d.h. wenn der Patient in diesen Bereichen Probleme hat, und die Psychotherapie wirkt, dann müsste er in diesen Dimensionen eine klinisch signifikante Verbesserung (Jacobson & Truax) haben. Schließlich zückt man aus den vielen Plastikfächern 1-2 Arbeitsblätter, mit denen man den Patienten gleich für die gemeinsame spezifische Arbeit gewinnen wird. Dann holt man ihn in sein helles, freundliches und geräumiges Arbeitszimmer und bringt die gemeinsame Arbeit zur Blüte. Im Laufe der nächsten Monate gibt es Fortschritte, Rückschritte und auch Krisen, aber die Probleme des Patienten werden merklich geringer, er findet sich selbst immer besser zurecht, die Behandlungsintervalle werden immer größer, und eines Tages kommt er nicht mehr, weil er jetzt andere Prioritäten im Leben hat. icon_wink.gif Das Arbeitsklima ist gut, und die Rollen sind nicht nur klar verteilt, sondern die Psychologie hat auch einen hohen Stellenwert, weil der Psychologe das einzige Teammitglied, das so lange und mit dieser fachlichen Güte mit dem Patienten spricht und persönlich arbeitet. PiAs gibt es nur selten, weil die Klinik eine langfristige Personalplanung mit fairen Arbeitsbedingungen hat. Man fühlt sich kompetent, weil die Arbeit so gut funktioniert, wie Psychologie funktionieren kann, und weil man alle Quellen hat und sie auch nützen kann, um sein Fachwissen immer am aktuellen Stand zu halten.

Ob das eigene Berufsleben wie A oder B aussieht, kann man sich nicht zu 100% selbst aussuchen, aber man kann es beeinflussen.

Wenn die Klinik nicht von oben auf Praktikantenklitsche oder rückgratlose Gewinnmaximierung getrimmt ist, kann man sogar aus Situation A zu Situation B kommen.

Und zwar, indem man sich ETABLIERT und gute ERGEBNISSE erzielt.

Das geht duch KOMPETENZ. Indem man Psychologie LEBT.

Es gibt nämlich für fast alle Probleme, die in Klinik und Niederlassung auftreten, genaue Überlegungen, wie man sie abgrenzt und löst. Sogar umfangreiche Therapiematerialien gibt es für die häufigsten Störungen - man muss nur noch wissen, in welchem Fach man sie abgelegt hat, und schon geht es los.

Es kommt daher auf das genaue ERKENNEN des Problems an und auf die Identifizierung der EVIDENZBASIERTEN Lösungsstrategie. Die muss man dann "nur" noch anwenden, und schon gibt es die oben erwähnten guten ERGEBNISSE.

Die führen wiederum dazu, dass man Reputation in der Klinik erwirbt und sich auf diese Weise fachlich ETABLIERT.

Es dauert dann nicht lange, und die B-Merkmale stellen sich fast wie von selbst ein.

Voraussetzung dafür ist, dass man selbst eine glasklare Vorstellung vom eigenen Fach hat!

Das Buch von Wilken hat einen leicht missverständlichen Titel. Es ist nämlich ein Kurzlehrbuch der Verhaltenstherapie, und zwar fachlich und stilistisch das beste, das ich kenne. Ich habe es immer in der aktuellen Auflage und lese immer wieder darin, um meine Ausrichtung zu verbessern und zu festigen.

Gerade am Anfang ist die Versuchung groß, den Fachmann zu spielen und dem praxeologischen Singsang im Team nicht nur zu verfallen (sie manipuliert, er agitiert, sie spaltet, da ist kein Potenzial mehr...), sondern das irgendwann selbst für Psychotherapie/Diagnostik zu halten. Das ist der direkte Weg zu Situation A. Nur die anfängliche und wiederholte Lektüre von Wilken kann Dich davor bewahren! Bevor man irgendetwas anders liest und dadurch auf die schiefe Bahn gerät, muss man Wilken gelesen haben! Nur das genaue Verinnerlichen von Wilken schützt Dich gegen die wesentlichen Versuchungen und Gefahren da draußen in der Klinik! "Approbierte" Bewerber. die in den ersten 90 Sekunden nicht zumindest dreimal "Wilken" sagen, können nicht vom Fach sein, müssen Trickbetrüger sein und daher sofort der Polizei übergeben werden. icon_wink.gif

Im Studium bekommst Du einen Überblick über die psychischen Störungen, und im ICD-10 findest Du Dich am Anfang schon besser zurecht, als Du selbst denkst. Bestimmt gelingt Dir in den meisten Fällen schnell eine sichere ICD-10-Diagnostik. Dann kommen aber andere Leute, die Dir mit professionellem Getue verklickern, dass nicht Deine, sondern nur ihre Ansicht richtig ist. Um zu überprüfen, ob das stimmt, oder im Idealfall: um für die Diskussion gerüstet zu sein, brauchst Du die geballte Information. Das frühzeitige Nachschlagen bei Schneider/Margraf muss in Fleisch und Blut übergehen. Nur dort bekommst Du nicht nur alle Zusammenhänge und Therapieoptionen mundgerecht serviert, sondern zunehmend auch ein phänomenologisches Verständnis, das Dich dazu befähigt, von mehreren diagnostischen Erklärungsansätzen jenen zu identifizieren, der am besten passt und dem Patienten am meisten hilft. Dadurch wirst Du selbst immer mehr "Psychotherapie", wodurch Du auch bei den am Anfang groß, allwissend und bedrohlich erscheinenden Bossen Ansehen erwirbst und als Diskussionspartnerin auf Augenhöhe akzeptiert wirst. Wenn Du dann selbstsicher, aber nicht festgefahren, sondern offen aber kritisch, professionell und fair bleibst, werden sie sich später auch trauen, Dich als Expertin zu befragen. Nur durch die Konsultation von Schneider/Margraf ist es möglich, den spezifischen Mehrwert von psychologischer Psychotherapie gegenüber der Medizin zu verwirklichen und dabei das erforderliche fachliche Niveau zu gewährleisten. Schneider/Margraf ist die Welt, wir sind die Seefahrer. Schneider/Margraf ist sogar die LIEBE, denn sonst wären sie ja nicht verheiratet, also stecken wir uns die Blume ins Haar und lassen wir die LIEBE von Schneider/Margraf über uns, unsere Patienten und Kollegen strömen icon_wink.gif

Doch bei all den guten Dingen brauchen wir jetzt noch die "letzte Meile", um echte Psychotherapeuten zu sein: die Umsetzung. Während Wilken schon das Wesentliche vorgezeichnet hat, ist sie leider eine so außerirdisch gute Kollegin, dass sie leider von vielen Seiten um ihre gute Arbeit angefleht wird, sodass sie derzeit leider noch nicht ausreichend Zeit gefunden hat, in ihrem Buch alle Detailaspekte der Behandlungsmethodik abzudecken. Selbst Linden/Hautzinger mussten dafür ein Herausgeberwerk schaffen, dessen Umfang sich gegenüber der Vorauflage fast verdoppelt hat - aus guten Gründen. Es gliedert sich in vier Teile: Grundlagen (z.B: Nebenwirkungen und Nebenwirkungserfassung in der VT) , Techniken (z.B. Hierachiebildung), Therapiestrategien und -programme (z.B. Trauerarbeit...) und störungsbezogene Therapiekonzepte (z.B. Schlafstörungen). Auf wenigen Seiten pro Kapitel steht alles Wesentliche samt möglichen Schwierigkeiten und vor allem der empirischen Absicherung. Am Anfang wird man staunen, dass die empirische Absicherung in vielen Bereichen gar nicht einmal so hoch ist. Dadurch erkennt man, wo die Empirie schwach wird, und wo tatsächlich die eigene Kreativität gefragt ist. Linden/Hautzinger hilft uns, all das bisher Gesagte seriös und sicher an den Mann bzw. die Frau zu bringen.

"feline" schrieb:

Da die Bücher insgesamt sehr teuer sind und ich wenig Geld habe, möchte ich gezielt auswählen und freue mich daher über konkrete Argumente icon_smile.gif


JESUS hat gesagt: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt (Joh 18,36), und auch Wilken erbarmt sich anscheinend ihrer Kollegen, denn ihr Buch ist wirklich für jedermann erschwinglich. Vom vierbändigen Schneider/Margraf würde ich Band 1+2 oder 1+3 kaufen, je nachdem, ob ich im Erwachsenen- oder KJP-Bereich arbeite und den Kauf von Band 4, wenn erforderlich, dem Arbeitgeber nahelegen, denn Arbeitsblätter muss auch die knausrigste Klinik gefälligst selbst anschaffen und sicher nicht der PiA. Linden/Hautzinger ist wiederum - so wie die anderen genannten Bücher - eine langfristige Investition, weil Du diese Quellen auch für jede spätere Tätigkeit brauchen wirst.

In der PT-Ausbildung muss man leider unfassbare Summen dafür bezahlen, dass einem in den Seminaren jemand sagt, was er selbst in den Büchern gelesen hat. Viel wichtiger ist es aber, sich selbst in den Büchern zurechtzufinden und jeden Tag aus eigener Kraft den Goldstandard zu leisten, auch wenn das passende Seminar schon länger zurückliegt, noch kommt oder schlecht war.

Wer wirklich gut sein will, wird meiner Meinung nach die Seminare eher über sich ergehen lassen und alles daran setzen, sich die Quellen selbst zu erschießen.

Wenn Du gut bist, wird die Arbeit in Deinem Berufsleben immer mehr und immer heikler werden, weil Du für immer mehr Leute mit immer anspruchsvolleren Schwierigkeiten zuständig sein wirst. Das geht meiner Meinung nach langfristig nur mit einem früh erworbenen empirischen Fundament und einem sicheren Wissen, wo was steht, damit man jetzt, in diesem Moment nachschlagen kann.

Es kann für bestimmte Patienten auch überaus hilfreich sein und Vertrauen begründen, wenn man einmal in einem passenden Moment zielstrebig zum richtigen Buch greift und mit etwas Blättern den Satz findet und gemeinsam mit dem Patienten liest, der genau das Problem oder das Bedürfnis des Patienten formuliert oder eine Therapieoption beschreibt. So erkennt der Patient nämlich besonders deutlich, dass er mit seinem Problem nicht allein ist, und dass nicht nur bekannt ist, wie er wahrscheinlich herauskommt, sondern auch, dass Du den Weg kennst und für die Umsetzung die richtige Ansprechpartnerin bist.
 
Verfasst am: 05. 03. 2016 [00:26]
feline
Dabei seit: 09.12.2015
Beiträge: 6
Lieber sigmund,

herzlichen Dank für dein ausführliches Plädoyer für die professionalisierte Umsetzung von Verhaltenstherapie durch (angehende) Psychotherapeuten!

Es hat mich sehr motiviert: Ich habe mir gerade das Buch von Wilken bestellt und werde es dann in meiner kargen Freizeit oder wahlweise auf der Kliniktoilette lesen um mal zu erfahren, was denn Verhaltenstherapie eigentlich ist.

Leider bin ich in der von dir beschriebenen Situation A gelandet.
Es ist sogar noch etwas schlimmer: Neben fehlenden Büchern, Materialien, Testbögen-Originalen sowie fehlender Wertschätzung der Psychologen an sich im gesamten Klinikkonzept, habe ich als kleine PPiA leider kein eigenes Büro bekommen, habe also irgendwie derzeit keinen Arbeitsplatz an dem ich in Ruhe lesen, denken testen oder therapieren könnte. Zudem ist jeder andere Teil des Klinikpersonals, dem ich begegne irgendwie "im Stress" und zieht mich da mit rein...
Könnte ich meine "planlosen, supportiven Gespräche" denn auch in den Mehrbettzimmern der Patienten oder in den Gruppenräumen führen? Für Dokumentationen bräuchte ich zudem einen PC, meine Therapieversuche müssten also i.d.R. undokumentiert bleiben. Wäre das rechtlich für mich riskant?

Sollte ich mich unter diesen Umständen in der Klinik lieber aufs Kaffeekochen beschränken?

Wie kommt man taktisch geschickt, und dabei stets höflich und freundlich bleibend von Situation A zu Situation B?

Motivation wäre jetzt im Anfangsstadium noch vorhanden icon_smile.gif

LG,
Fee

 
Verfasst am: 06. 03. 2016 [18:58]
sigmund
Dabei seit: 23.07.2013
Beiträge: 76
Selbstschutz geht vor Fremdschutz.

Sich auf "Wege" innerhalb der Klinik oder dergleichen zurückzuziehen, kann durchaus eine Ressource sein, wenn man keinen eigenen Raum hat. Wenn die Arbeitsbedingungen feindselig sind, kann tatsächlich sogar Kaffeekochen indiziert sein. Aber hier geht noch etwas.

Grundsätzlich soll man sich in unklaren Situationen fragen: Was ist mein Arbeitsauftrag? Ein klassisches Supervisionsthema.

Hier: Woraus leitest Du ab, dass Du für das Führen von Einzelgesprächen (Mehrbettzimmer, Gruppenräume) zuständig bist?

Wenn Du ohne eindeutigen Auftrag des Vorgesetzten etwas machst, kann es noch so gut sein und dennoch als störend empfunden werden, weil es das Gesamtkonzept durcheinander bringt oder andere Bedienstete irritiert. Wenn zum Beispiel gerade ein Stellenabbau ansteht, wenn zwei Psychologinnen subtilen Zickenkrieg führen, oder wenn wegen einem Patienten berechtigte Anwaltspost gekommen ist, liegen die Nerven blank, ohne, dass man es Dir mitgeteilt hätte, oder Du gar von der Ursache erfahren hast. Das merkst Du nur am irrationalen und bisweilen bösartigen Verhalten der Beteiligten. Die sind dann nicht unbedingt der Teufel, sie können in dieser Zeit nur leider nicht anders.

Da die Psychologie anscheinend unabhängig von den PiAs einen schlechten Stand in der Klink hat, ist es wahrscheinlich, dass sich irgendwelche Entscheidungsträger von der Psychologie bedroht fühlen und sie daher (zumindest) über unzureichende Ausstattung klein halten, obwohl die Psychologie dadurch ihr Potenzial, für das Wohl der Patienten zu arbeiten, in keiner Weise ausschöpfen kann. Für diesen Fall empfehle ich eine defensive Strategie, denn wenn Du leichtfertig mit dem vermutlichen Bullshitvertrag in das Haifischbecken der "großen" Konflikte der "Mächtigen" steigst, sind im nächsten Moment nur noch unverdauliche Gräten von Dir übrig. Im Tierversuch schafften es sogar ein Orang-Utan und zwei Wühlmause, die Personalabteilung um den Rausschmiss des PiA zu bitten. Ein Kamel hat es sogar geschafft, einem PiA ein nur lauwarmes Arbeitszeugnis zu schreiben. Und das ist immerhin ein Wüstentier.

Wenn ich Dich richtig verstanden habe, geht es nun darum, einen eindeutigen Arbeitsauftrag zu bekommen, und daraus brauchbare Bedingungen abzuleiten.

Ich nehme an, dass Du als PiA für die Ausbildung Falldokumentationen anfertigen musst. Diesen äußerlichen Zwang kannst Du Dir zunutze machen. Wenn Dein Betreuer/Vorgesetzter (?) auch nur einen Satz über einen Patienten gesprochen hat, kannst Du in einem passenden Moment (Augenkontakt, zugewandte Körperhaltung beider Gesprächspartner) feststellen: "Ich muss ja Falldokumentationen schreiben." Bis hierher kann noch niemand widersprechen. Also kurz einatmen, denn das Gegenüber muss erst einmal geistig in den Voraussetzungen für PiAs ankommen. Dann kannst Du fragen: "Wäre dieser Patient dafür geeignet?" Vielleicht ist er es aus guten Gründen nicht. Dann probierst Du es am nächsten Tag wieder, und zwar solange, bis man einen Patienten geeignet genannt hat.

Damit hast Du einen klaren Arbeitsauftrag. Natürlich werden zuerst die Krankengeschichte und die Kurve zu studieren sein - vielleicht sogar stehend und im Tumult, um sicherheitshalber keine Unterlagen von dem Ort zu entfernen, wo sie jederzeit gebraucht werden könnten. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo Du etwas mit dem Patienten tun oder etwas schreiben musst. Schließlich musst Du das Gelesene ja verschriftlichen, und das macht man wirklich besser schnell (und nicht ein halbes Jahr später, wenn das Institut den Bericht bemängelt), weil man sonst Dinge vergisst. Schon gilt es, sich seine großen Vorbilder vor Augen zu halten und mit geballter Seriösität zum Äußersten zu schreiten. Wie selbstverständlich fragt man dann: "...so, ... wo kann ich mich an einen PC setzen?" Man spürt mit jeder Faser seines Körpers, wie der äußere Zwang zur Falldokumentation ganz von allein und wie ein Blitz einschlägt.

Im besten Fall ist damit das Eis gebrochen, und Du bekommst die Insignien der Macht: Zeit an einem PC. Im schlimmsten Fall braut sich das Unachtsame wie ein Gewitter über Euch zusammen, und man bekommt eine blödsinnige/abwimmelnde Antwort wie z.B., dass man selbst sehen müsse, wann und wo man tippen kann. Oder zumindest: "irgendwo auf Station/in irgendeinem Arztzimmer/irgendwo zwischen Allgäu und Sylt/..." Jedoch kann man dann durchaus den Arbeitsauftrag walten lassen und mit "Darüber habe ich leider noch keine Übersicht, könnten Sie sich hier vielleicht für mich einsetzen?" reagieren. Das wäre praktisch, denn so hat man sogar schon einen Mitstreiter gewonnen.

Alternativ dazu könnte es auch über die Schiene laufen, dass man mit dem Patienten bestimmte Dinge macht. Zum Beispiel eine Anamneseerhebung, für die bei einem neuen Patienten bisher noch keine Zeit war. Vielleicht darf man sogar den psychopathologischen Befund = psychischen Status erheben. In jedem Fall sollte man den Arbeitsauftrag schnell annehmen und sich gleich an die Arbeit machen. Wenn das Klima sehr angespannt ist, kann man als Zeichen der eigenen Geschäftigkeit erst einmal verschwinden. In jedem Fall gilt es aber nun, zu klären, was inhaltlich genau von Dir erwartet wird. Anamneseerhebung und psychischer Status gehen bei einem Psychologen, in einer Abteilung oder sogar Klinik immer nach einem Schema, und dieses sollte man sich zulegen. Gibt es ein Schema, das Sie gerne hätten? Wo finde ich es? Meistens natürlich irgendwo als Textbaustein oder als Schmierzettel, aber sicher nicht als AMDP-Formblatt, zumindest nicht als Original. icon_cool.gif (Ist auch nicht schlimm, diese Formulare sind zu umfangreich.) Ansonsten eben in der frischen Dokumentation von Patienten, die vor ein paar Tagen aufgenommen worden sind. Damit solltest Du Dich einmal vertraut machen. Wenn der Textbaustein nur ein Nullbefund ist, sieht man zumindest, welche Dimensionen untersucht werden sollen und kann sich dann selbst überlegen, welche Abweichungen da auftreten könnten, wie sie heißen und wie man sie bemerkt. Erst wenn man startklar ist, kann man sich 1. informieren, ob und wann der Patient überhaupt verfügbar ist und nicht in Gruppen oder sonstwo ist (Patient am Beginn der Gruppe nicht da -> Teer und Federn für denjenigen, der 5 Min. vorher etwas anderes mit ihm begonnen hat), und 2. mit "Ich benötige für ... mit ... für ca. 15 Minuten einen Raum." Fakten schaffen. Oftmals wird die pflegerische Schichtleitung dafür ein guter Ansprechpartner sein.

Natürlich können und werden aus der Notwendigkeit, "Fälle" vorzulegen, schon bald anspruchsvollere Arbeitsaufgaben resultieren. Es kommt auch immer darauf an, was Du Dir zutraust. Sei durchaus mutig, aber nicht blauäugig. Wenn im ungesicherten Eingangsbereich "jemand" sitzt, der selbst- oder fremdgefährlich ist, und Du Dich um ihn "kümmern" (?) sollst, während der Vorgesetzte jetzt nach Hause geht, und weit und breit keine Unterstützung in Sicht ist, wäre es empfehlenswert, den Auftrag klar abzulehnen und zu sagen, dass Dir dafür die notwendige Information fehlt und Du es nicht machen wirst. Gleiches bei frischen körperlichen Verletzungen (z.B. Schnitte bei Borderline-Patienten), die zuerst das persönliche und direkte OK eins Arztes erfordern. Gleiches bei Minderjährigen (komplizierte Einwilligungsregelungen, nicht "erst einmal" loslegen). Eine allgemeine Gruppe kannst Du aber nach ein paar Besuchen schon selbst halten. Idealerweise natürlich zuerst einen vorher definierten Teil, dann alles unter Aufsicht und dann alleine.

Höflich sollten alle zueinander sein, die im Krankenhaus arbeiten. Freundlich wäre auch gut, aber manchmal muss man auch weniger freundlich oder sogar unfreundlich sein. Wenn z.B. während eines Einzelgespräches jemand ins Zimmer kommt und irgendetwas Unwichtiges will, kann man es auch kurz halten. Wenn sich Störungen häufen (meistens sind es dieselben Störenfriede), wird es Zeit, sich rein zu defensiven Zwecken eines der nächsten Kapitel näher anzusehen: Die Intrige. Aber erst einmal bleiben wir eben höflich, recht freundlich, eher zurückhaltend, aber selbstbewusst, klar und eindeutig. Vorab aber: Laut der ehrenwerten WingTsun Kampfakademie Berlin-Mitte gilt nach wie vor: "Der beste Kampf ist der, der nicht geführt wird." Gerade in Kliniken gilt: Wenn man mit Schweinen im Schlamm ringt, sind nachher alle schmutzig, aber nur die Schweine hatten Spaß dabei. Also werden wir sinnloses Geplänkel als Zeit- und Nervenfresser identifizieren und aus unserem Berufsleben auch dann möglichst ausschließen, wenn man gerade eine gute Ausgangsposition icon_evil.gif oder einfach nur Lust darauf hat.

Die Leistungen zu dokumentieren, ist zu 99,9% auch in Deiner Situation verpflichtend. "Planlose, supportive Gespräche" haben den Vorteil, dass es in den meisten Kliniken ausreicht, in die Kurve zu schreiben: Datum, Uhrzeit, Stützendes Gespräch 10', Handzeichen. Bei Papierdokumentationen ist das Handzeichen rechtlich übrigens nur dann ausreichend, wenn aus einem Beiblatt (meistens am Anfang) hervorgeht, welches Handzeichen zu welchem Namen gehört. Im Zweifel also den eigenen Namen lesbar und einleuchtend abgekürzt schreiben (Nicht "Kr" oder "EK" als Erika Kraus, wenn dort auch jemand Emil Kraepelin heißt). Bei elektronischer Dokumentation keinesfalls den Eindruck erwecken, dass jemand anderer die Leistung erbracht oder dokumentiert hätte (z.B. durch "Sharing" der Zugangsdaten des Vorgesetzten). Lieber noch "Familienname, i.A., Psychologin" am Ende des Textes dazuschreiben.

Der Selbstschutz erfordert es auch, dass Du Deine Motivation genau beobachtest und aus diesen Beobachtungen die richtigen Verhaltensweisen ableitest. Wie wird sie größer, was hat sie nicht so gern, und wie kann man mit der Realität umgehen, damit das Herz langfristig lacht. Wie ich in Deinem Fettdruck lese, wirst Du schon bald eine hervorragende Strategie ausprobieren, die immerhin nicht allen zur Verfügung steht.

Ja, Du wirst einmal eine gute Psychotherapeutin.
 
Verfasst am: 08. 03. 2016 [12:31]
s.huebner
Moderator
Dabei seit: 26.10.2013
Beiträge: 57
Hallo,

unter der Suchfunktion kann man im PiA-Talk auch nach Schlagwörtern suchen. Schau doch Dir doch mal diesen Beitrag an. Da steht alles ausführlich, auch für TP:
http://piaportal.de/index.php?id=piatalk&tx_mmforum_pi1[action]=list_post&tx_mmforum_pi1[tid]=13&tx_mmforum_pi1[page]=&tx_mmforum_pi1[sword]=LITERATUR#pid24

LG
Simone
 



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